Ursache und Wirkung


 

Eine Analyse zum Bundesparteitag der AfD in Essen

 

Ich habe Frau Petry am 4.7. 2015 nicht gewählt. Wenngleich sich meine Hoffnung nicht erfüllte, man (oder gar Lucke selbst) wäre weckrufseitig so klug gewesen, anstatt des oftmals so brillanten, intellektuellen und fleißigen Lucke ob dessen eklatanter Unfähigkeit zur Führung einer groß gewordenen Partei einen zur Parteiführung geeigneteren Kandidaten zu nominieren, hätte ich als zweitbeste Lösung dann immer noch lieber Herrn Lucke als Wahlgewinner gesehen. Bekanntlich kam es anders. Frau Petry gewann die Wahl.

Mein Wunsch, Lucke, wenn es denn sein musste, weiterhin an der Parteispitze zu sehen, führte auch mich am Abend des 3.7. zum Vortreffen in die Essener Dampfbierbrauerei. Dort hörte ich Herrn Lucke zu, wie er seine Partei lobte, ihren in kürzester Zeit erreichten phänomenalen Erfolg hervorhob, seine parteiinternen Widersacher verunglimpfte und unter dem frenetischen Jubel seiner Getreuen in einer flammenden Ansprache seinen unbedingten Willen zum Wahlsieg kundtat. Zuvor hatten die ebenfalls anwesenden Kölmel, Starbatty und Trebesius versucht, es ihm gleich zu tun.

Und heute? Heute werden die kurz zuvor noch so hochgelobte erfolgreiche AfD und ihre Mitglieder aus dem Kreise der eben Erwähnten, an deren Spitze Herr Lucke, auf übelste Weise beschimpft.

Hatte die AfD sich innerhalb von noch nicht einmal 24 Stunden so verändert? Ich kann dies bis jetzt nicht feststellen. Ergo: Entweder die Vorgenannten oder ich haben Wahrnehmungsschwierigkeiten.

Ich bin mir nicht sicher, welche Annahmen den überstürzten Austritten von Lucke und seinen Unterstützern innerhalb kürzester Zeit zugrunde liegen und ob die Austretenden wissen, dass sie höchstwahrscheinlich selbst das ach so schockierende Wahlergebnis leichtfertig und sorglos herbeigeführt und damit zu verantworten haben. Und nun flüchten sie aus dieser Verantwortung.

Zunächst einmal nahm Lucke (soll im Folgenden jeweils auch für seine ausgetretenen Freunde gelten) nach dem 80%-Ergebnis von Bremen aufgrund des Wahlergebnisses wohl an, dass er die Mehrheit in der AfD zugunsten von Petry verloren hat. Das musste schockieren.

Ja, er wird an Zustimmung verloren haben; bei den Eskapaden seiner egomanischen Kontrollsucht (das hatte Adam schon lange vor mir erkannt) dürfte er sich weit mehr Feinde als Freunde gemacht haben, und der große Bogen, den er um die besorgniserregende Entwicklung auf dem Gebiet der Zuwanderung gemacht hat, dürfte (u.a.) einen ähnlichen Beitrag geleistet haben. Die Mehrheit der Parteimitglieder aber hatte er nach meiner Überzeugung immer noch hinter sich, was er wahrscheinlich bis heute noch nicht gemerkt hat. Wie konnte er dann die Wahl verlieren?

Ganz einfach: Die eigene Bequemlichkeit war vielen seiner Unterstützer vordinglicher als ein Erscheinen auf dem Parteitag.

Der Parteitag fand in Essen und damit ziemlich weit im Westen statt. Eigentlich ein Heimvorteil, denn die Anhänger Petrys sind besonders im Osten stark vertreten. Der Teilnahmeaufwand für letztere war ungleich höher als für den Durchschnitt der anderen Teilnehmer: Die Unterkünfte mussten gesichert und so manche Fahrgemeinschaft für die weite Anreise gebildet werden. Dies zwingt neben der offenbar ebenfalls vorhandenen größeren politischen Ernsthaftigkeit dazu, auch bei Temperaturen von fast 40 Grad das Vorhaben durchzuführen. Temperaturen hin oder her: Man fuhr nach Essen.

Und die Weckruf-Freunde? Bei den erwähnten Temperaturen und eingedenk der so komfortablen Bremer 80% im Rücken dürften in so manchen Fällen der Besuch im Schwimmbad oder das Lesen der "Euro am Sonntag" (erscheint samstags) auf der schattigen Terrasse oder ähnliches der absehbar beschwerlichen Parteitagsteilnahme vorgezogen worden sein – insbesondere dann, wenn der Wohnsitz eine tagesgleiche Anfahrt ermöglicht und man seine Teilnahme noch am Samstagmorgen entscheiden konnte.

Wo waren denn die über 4000 Weckruf-Anhänger? Noch nicht einmal die Hälfte dieser Leute hätte für den Wahlsieg Luckes locker gereicht, zumal viele seiner Befürworter, wie meine Wenigkeit auch, den Weckruf als ungeschicktes Spaltungsinstrument erkannt hatten und diesem nicht beigetreten waren, aber Lucke dennoch gewählt haben oder hätten. Auch aus der letzten Gruppe dürfte so mancher also aus purer Bequemlichkeit und/oder der falschen Einschätzung, die anderen würden´s schon richten, auf dem Parteitag nicht erschienen sein.

Und nun bejammern sie das Wahlergebnis. Von besonderer Klasse dabei sind diejenigen Lucke – Anhänger, die ihm durch ihr Nichterscheinen das innerparteiliche Rückgrat gebrochen haben und sodann, hier und da auch noch unter theatralischem Getöse, sogleich austraten. Köstlich.

Köstlich?

Armselig.

Schlimm, wie daraufhin Lucke und seine blassen Mitvorstände ihren, jetzt wohl auch vielfach enttäuschten und damit wohl vielfach ehemaligen Anhängern in den Rücken gefallen sind. Die AfD ist nicht über Nacht so geworden, wie sie Lucke nun darzustellen versucht. Wenn seine Unterstützer sich nicht so armselig angestellt und ihm stattdessen zum Wahlsieg verholfen hätten, würden Lucke und seine Leute ganz anders über die gleiche Partei gesprochen haben. Darauf gebe ich mein Wort.

Und nun, die Folgewirkung?

Die Folgewirkung ist zunächst einmal, dass Lucke wie eine beleidigte Leberwurst mit einem teilweise den Lügenmedien* entlehnten Vokabular den verbliebenen AfD-Mitgliedern hinterhergiftet und den neugewählten Vorstand schmäht oder schmähen lässt. Die am zweiten Tag Davongelaufenen müssen, wen wundert´s, nun mal damit leben, dass Frau Petry mindestens fast alle ihre Kandidaten durchbekommen hat, was immerhin auf eine zukünftig effektivere Vorstandsarbeit hoffen lässt. Sicher, die Anwesenden leisteten sich, einen Adam nicht beizeiten zu wählen, und auch einige Fehlbesetzungen sind dabei – doch die hatte der Lucke-Vorstand seinerzeit, und zwar reichlich, ebenfalls aufzuweisen. Dafür ist jetzt eine Frau von Storch dabei, deren Klartext-Rede zu Recht viel Anerkennung fand.

Und Lucke trägt schwer an seinen Fehlern und denen seiner Getreuen; die Peinlichkeiten des schlechten Verlierers häufen sich: Zunächst erscheint er auf dem Parteitag nur, um seinen Parteiaustritt als „wahrscheinlich“ vorzuinszenieren (diese Ungezogenheit rief zu Recht in ähnlicher Weise die Parteitagsleitung auf den Plan, wie dies während der Lucke-Rede nötig war), am Montag startet er eine Parteineugründungseruierung (Glückwunsch, Frau von Storch, Sie haben dies vor Wochen gewusst, gesagt; dafür wurden Sie für diese Nichtigkeit von Herrn Lucke als Parlamentarische Geschäftsführerin abserviert- Glückwunsch auch an Herrn Lucke-), am Dienstag kündigt er groß seinen Parteiaustritt „am Freitag“ an, heute tritt er dann wahrscheinlich tatsächlich aus – man darf auf nächsten Montag gespannt sein.

Und die Gründung einer neuen Partei: Lucke will mit den ihm verbliebenen Getreuen tatsächlich eine neue Partei gründen? Dann werden wir sie haben: Die lang ersehnte CDUlightFDP2.0 . Wäre doch ein passender Parteiname. Der Name als Programm.

 

Gerd Plorin (ehemaliger Sprecher, AfD Kreisverband Kleve)

Einzelmeinung

 

*(keine Pauschalisierung: an alle, die sich angesprochen fühlen, wissen natürlich warum)

3 thoughts on “Ursache und Wirkung”

  1. Bei Lesen dachte ich mir: Da wird doch hoffentlich sich jemand am Ende dazu bekennen.
    😉   Anonymer "Mut zur Wahrheit" ist halt keiner.
    _____
    Interessant fand ich z.B. was Frau von Storch so über die Vorgeschichte sagte:
    https://www.youtube.com/watch?v=oqN7aCcJxcs
    ______
    Von Zeit zu Zeit rede ich ja auch mal mit Politikern in der realen Welt. Z.B. hatte ich im Gespräch mit Herrn Adam und Frau Petry den Eindruck, dass man eigentlich bereit war, den Führungsanspruch von Herrn Lucke letztlich hinzunehmen. Und kaum jemand einen Kandidaten gegen ihn unterstützt hätte.

    Aber er hat halt in den letzten Monaten innerparteilich viel zu undemokratisch, wenig teamorientiert, etc. agiert. Kurz, er zeigte sich vollkommen ungeeignet als (alleiniger) Parteivorsitzender einer demokratischen Partei. (Und nach meinen Eindrücken sahen das die Leute umso klarer, je näher die Leute an seinem Wirken dran waren. Und zwar oft unabhängig von einer Nähe oder Ferne zu irgendwelchen inhaltlichen Positionierungen.)

    Was Medien daraus machen (die bösen Nationalkonservativen hätten die plötzlich guten Liberalen vertrieben), ist dann oft mit gewissen Motiven (d.h. der inhaltlichen Ablehnung der Alternative) zu erklären.

    Nach meiner Außenwahrnehmung fehlte es Lucke an Leuten, die ihm deutlich gemacht hätten, warum er mit so einem autoritär sich versuchenden Politikstil innerparteilich keine Chance hat. Sie hätten ihm sagen MÜSSEN, dass er ein Mindestmaß an Integration leisten, mindestens versuchen muss. Zumindest in einer Partei, die zumindest in gewissem Maße, als Sammelbecken für viele Unzufriedene dient.
    (Vielleicht war er aber auch nicht bereit, den Rat solcher Leute anzunehmen.)

    Ein Henkel, der im Grunde die Vorstandsarbeit verweigerte und "sein" persönliches Ding macht, "kann" ganz anders agieren als jemand, der die Rückendeckung der "Funktionärsebene" braucht, spätestens wenn er sich wieder zur Wahl stellt. Und eben nicht nur die Unterstützung der relativ ahnungslosen einfachen Parteimitglieder.
    _____
    Was die medial propagierten 4000 Weckruf-Leute angeht, so sind das ja offenbar nur diejenigen, die in Internet mal kurz und schnell ihr Interesse erklärt haben. Tatsächlich Mitglied im Verein sollen ja nur wenige gewesen sein.
    (Auch da finde ich es ernüchternd, wie unkritisch plötzlich Mainstream-Medien Selbstdarstellungen des Lucke-Lagers als Fakten verbreiten. Aus meiner Sicht dient es halt dazu, möglich viele AfDler zum Austritt und damit zur Schwächung dieser "Gefahr" zu bewegen. Dass die Alfa-Partei mit so einer profillosen und konfliktlinienarmen Programmatik irgendeine Zukunftschance hat, hat noch kein einziger politischer Beobachter geäußert. Die Partei dient halt der Schwächung der Bundestags-Einzugschancen der AfD. Mehr sehe ich da nicht. So ehrenhaft auch mancher dran glauben möchte. Starbatty z.B. fand ich im Gespräch in Essen schon einen netten.)

  2. Noch eines:
    Zum Sternchen (Lügenmedien):

    Ich habe zu oft eine absichtlich und bewusst so verzerrende Berichterstattung (auch über besuchte Veranstaltungen), etc. erlebt, dass ich den Begriff auf einigen Themenfeldern angemessen finde. Denn eine solche Irreführung der Leser darf man schon als Lüge bezeichnen.

    (Bei aller Ungemessenheit pauschaler Verurteilungen. Und wenn ich's lokal so wahrnehmen würde, äußere ich's ja auch.)

    Ist ja auch interessant, wie allergisch die aktuell mit "Lügenpresse" gemeinten Kreise auf diesen Vorwurf reagierten. Nämlich nicht primär mit entkräftenden Argumenten und ernsthaften Versuchen, neues Vertrauen aufzubauen, sondern der Beschimpfung und Abqualifizierung der Kritiker. Und damit letztlich der Bestätigung der Kritik.

    (Gespannt bin ich, was der Historiker Egon Flaig zu "Meinungsfreiheit unter der "Lügenpresse"" in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift TUMULT schreibt. )

    Bezeichnend fand ich z.B. kürzlich das Ablenkmanöver in der "Zeit". Da wurde die mangelhafte politische Neutralität und Qualität der Berichterstattung als entscheidender Hintergrund des "Lügenpresse"-Vorwurfs gar nicht thematisiert. Sondern die Kritik mit Internetgläubigkeit erklärt; letztlich mit der Möglichkeit anonymer Beiträge dort.

    Bemerkenswert, für wie naiv eine solche "Bildungsbürger-Zeitung" die Bürger zu halten scheint…  😉

  3. Herr Derksen,

    sorry; ich weiß, es ist schon eine Weile her:

    Das "Sternchen" kam nicht von mir. Wenn man von "Lügenmedien" spricht, sollte man ganz gut ohne Sternchen auskommen.

    Ich hatte die Vorlage ohne das Sternchen und den dies erklärenden Text geliefert.

     

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