Gedanken zum Brand von Notre-Dame de Paris am Abend des 15.4.2019

Frankreich kann sich einer großen Anzahl gothischer Kathedralen rühmen. Die größten und schönsten unter ihnen sind die von Amiens, Bourges und Chartres, am bekanntesten aber ist Notre-Dame de Paris auf der Ile de la Cité (der größeren der beiden Seineinseln). Mit dem Aufstieg des französischen Königtums entwickelte sich Paris zum Zentrum ganz Frankreichs. Die Kirche als Stütze der Monarchie versäumte nicht, ihre Macht zu demonstrieren und baute daher im Herzen Frankreichs von 1163-1245 einen mächtigen Dom. Die Verquickung der Kirche mit dem Königtum führte während der Revolution von1789 zur Entweihung und Plünderung des Gotteshauses. Es kam zu Akten von Vandalismus am Figurenschmuck der Fassade, denn die Vertreter des Kultes der Vernunft wollten keine Heiligen. Nach der Rückkehr zur Ordnung krönte sich dort 1804 Napoleon I zum Kaiser der Franzosen. Victor Hugo, einer der größten Literaten, die Frankreich jemals hatte, huldigte 1831 der Kathedrale in seinem historischen Roman von der unglücklichen Liebe des Quasimodo, des Glöckners von Notre-Dame, zu der schönen Zigeunerin Esmeralda.

Unter der Leitung des berühmten Architekten Viollet-le-Duc erfolgte von 1845 bis 1864 eine umfassende Restaurierung der Kathedrale, die ihr die heutige Gestalt gab. Beide Weltkriege überstand sie unversehrt. Im August 1944 feierte der General de Gaulle in ihr die Befreiung von Paris. Notre-Dame ist also ein fester Bestandteil der französischen Geschichte, Kultur und Identität.
Daher gehört diese Kathedrale zum „patrimoine“, dem Erbe der Nation, wie der Mont Saint-Michel, Carcassonne, Versailles oder die Schlösser der Loire. Der Brand hat die französische Seele zutiefst getroffen, und darum werden alle Gruppen der Gesellschaft von den Kommunisten bis zu den Rechten, von den Antiklerikalen bis zu den Ultramontanen, Jung und Alt, Arm und Reich sich gleichermaßen betroffen erklären und als Patrioten einmütig für den Wiederaufbau eintreten. So ist zu hoffen, dass Frankreich, das gegenwärtig von vielfacher Gewalt und bürgerkriegsähnlichen Zuständen heimgesucht wird, zu einem besseren Zusammenhalt und neuer Solidarität zurückfindet.
Geldern, 15./16. April 2019
A. Frerk
(Einzelmeinung)

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