Beuth

Gut, wenn alles nur irgendwie Mögliche unternommen wird, um Antisemitismus in Kleve oder irgendwo sonst auf der Welt klar entgegenzutreten. Was aktuell im Stadtrat in Kleve passiert rund um das Gedenken an Beuth trägt jedoch in keiner Weise zu einem Abbau von Antisemitismus bei. Der wird nämlich radikal vertreten von Islamisten und Neonazis, denen das Vorhandensein oder Fehlen einer Gedenktafel vergleichsweise gleichgültig ist.

Nutzlos ist der Aktionismus und die Debatte aber nicht, weil es sehr typisch den Umgang der Ratsmitglieder mit Geschichte, Demokratie und dem Bürger zeigt. Da wird zunächst im Rat einer Gedenktafel zugestimmt offenbar ohne den Menschen zu kennen, sich vorher zu informieren oder darüber kritisch zu diskutieren. Dummer Aktionismus also.

Dann Jahre später ist ein Experte der Meinung, dass der Sohn der Stadt (so wie wohl eine überwältigende Mehrheit seiner Zeitgenossen auch) ein Bild von Juden gezeichnet hat, was aus unserer heutigen Sicht wenig überraschend auch nicht ansatzweise akzeptabel ist.

Die Reaktion der Bürgermeisterin angesichts dieses akuten Problems ist schon eher überraschend. Auch die Geschwindigkeit ist überraschend und mancher wird neidisch, der mit echten Problemen der Menschen in Kleve lange Zeit auf eine Reaktion warten muss. Jenseits von allen Regularien wird der Stadtrat übergangen und die Entscheidung getroffen, dass der Stadtrat seinerzeit eine völlig falsche Entscheidung getroffen hat. Mag ja sein.

Die Reaktion der Fraktionen ist aber noch absurder: Erst stimmen telefonisch die Fraktionsvorsitzenden der Bürgermeisterin zu, ohne die anderen Ratsleute aus der eigenen Partei zu befragen. Danach beschweren sich alle lauthals über die Eigenmächtigkeit der Bürgermeisterin. Mit Demokratie auf kommunaler Ebene hat das nichts zu tun. Mit innerparteilichen demokratischen Prozessen auch nichts. Es hat wieder etwas mit dummem Aktionismus zu tun, folgenlose Symbolik und ein Kampf gegen den Antisemiten Beuth, den man nicht gewinnen kann, weil er eben schon länger tot ist.

Zurecht bringen einige Lokalpolitiker Bedenken in die Diskussion ein und weisen darauf hin, dass konsequenterweise auch das Andenken an den Antisemiten Luther ähnlich problematisch ist.

Ich frage mich, ob herausragende Persönlichkeiten unserer Tage in 200 Jahren einmal auf eine Gedenktafel hoffen können. Vielleicht wird man ihnen aber dann vorwerfen, sie hätten ja ein völlig inakzeptables Verhalten gehabt: Fleisch gegessen, einen Diesel gefahren und Ponys geritten. Wie gut, dass ich in 200 Jahren eine solche Diskussion nicht miterleben muss.

 

Prof. Dr. Georg Bastian

(Einzelmeinung)

 

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